EinsteinWiki/Im Tal der Tränen

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Ein interaktives Lese- und Lernerlebnis

Das EinsteinWiki ist ein interaktives Buch, das Du bearbeiten, aktualisieren und verbessern kannst.

Es eröffnet Dir die Möglichkeit die Fantasy Geschichte “Goldstaub”nach Deinen persönlichen Wünschen und Interessen zu gestalten.

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3.1. bestehende Links erneuern oder austauschen

3.2. der Geschichte Deine selbst gewählten Lieblingsthemen hinzufügen (indem Du sie fett markierst) und mit Links erforschst, die das Thema mit unterschiedlichen Augen betrachten. Manchmal muß man nur die Perspektive ändern, um zu neuen Einsichten zu gelangen. Sobald Du das ganze Bild entdeckst, wächst Dein Verständnis.

Tipp: Verwende YouTube als Suchmaschine. Dort findest Du wertvolle Videos, die Dir komplizierte Inhalte einfach und anschaulich erklären, wie z.B. diese hier, die Ihr selbst gefunden habt [8] [9]


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The story of CC: It is your decision under which star your creation will be born.


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Kapitel 9: Im Tal der Tränen In the Valley of Tears

Entdecke die vorgeschlagenen Themen:

Aron staunte. Dieses Tal mit seinen schroff in die Höhe ragenden Bergen sah er zum ersten Mal. Die Berge trugen blaue Mäntel und leuchteten schneeweiß auf den Gipfeln. Das Tal lag im Schatten. Bäume, die Tränen statt Blätter trugen, säumten den Weg. „Halt“, befahl Aron seinen Stiefeln. „Wir sind angekommen.“ Er setzte sich auf einen blauen Felsvorsprung und rief: „Der Wind schickt mich!“ Zum Beweis der Richtigkeit seiner Worte ließ der Wind, der Aron begleitete, die Tränen wie Kristalltropfen klirren. „Wer das Tal der Tränen betritt, ist sehr traurig“, tönten die Tränen. „Das stimmt“, der Sonnenprinz nickte mit dem Kopf und senkte dabei die Augen.

„Erzähl uns von deiner Traurigkeit“, ermunterten die Tränen Aron. „Ich bin der Herrscher dieses Landes. Die Mauern meines Schlosses sind aus Marmor und die Dächer aus funkelndem Gold. Mir gehören Wälder und Felder. Ich spreche mit den Lilien im Schlosspark. Ich reise in einer goldenen Kutsche und nenne ein Paar Stiefel mein eigen, die jeden Weg kennen.“ Die Tränen klirrten vor Erstaunen. „Es sind da fünf Minister, die mich beraten und alle meine Wünsche erfüllen. Und ich habe einen Engel, der mich beschützt.“ Der Prinz hatte gerade mit der Aufzählung all seiner Annehmlichkeiten geendet, als der Wind sich mal wieder einmischen musste.

„Vergiss auch nicht den Thronsaal zu erwähnen“, machte sich der Angeber vor den Tränen wichtig. „Ihr müsst nämlich wissen, dass es mir einmal, als ich durch die geöffnete Glaskuppel im Dach des Palastes hineinwehte, fast die Sprache verschlug. Diese Größe, diese Pracht. Ich war überwältigt. Was ich erblickte, war viel schöner als alles, was ich je zuvor gesehen hatte, obwohl meine Augen Einiges gewöhnt sind“, prahlte der Wind. „Eigentlich war es meine Neugier, die mich in den Thronsaal zog, denn ich hatte schon viel über seine Herrlichkeit gehört. Ich wollte sehen, wie die Geschöpfe der Natur dem König die maßvolle Herrschaft dankten, denn er führte das Sonnenland mit großer Redlichkeit und sorgte für Harmonie.“ Arons Herz krampfte sich zusammen. „Erzähle weiter“, baten die Tränen. Sie waren jetzt genauso neugierig wie der Wind und wollten mit seinen Augen in den Thronsaal schauen. Der Wind fühlte sich geschmeichelt. Er stand im Mittelpunkt und die Tränen hingen an seinen Lippen. Nur Aron war nicht ganz klar, was der Thronsaal mit seinem Kummer zu tun haben sollte. Er sah ihn jeden Tag, deshalb war der Thronsaal für ihn normal, nichts Besonderes. „Ich fegte also fröhlich und laut wie immer mit einer solchen Wucht in den Thronsaal, dass mich seine Schönheit fast geblendet hätte. Vor Ehrfurcht musste ich erst einmal Luft schöpfen, dann traute ich mich nur noch leise und sacht zu wehen. Die Wände waren von tausenden Sonnenkristallen übersät, die den Saal so prunkvoll erleuchteten, dass mir selbst die Sonne in den Schatten gestellt erschien.“ „Übertreibst du nicht ein wenig?“, fragte der Prinz. „Im Gegenteil, denn alles, was ich sah, übertraf bei weitem meine Vorstellungskraft. Nehmen wir zum Beispiel den Sonnenthron: Sonnen aus Gold, Edelsteinen und Perlen auf königsblauem Grund lächelten mich freundlich an. Der Thron war an seiner Rückwand wie eine riesige Acht geformt, wobei der obere Kreis gigantische Ausmaße annahm. Kreisförmige, farbige Muster umhüllten eine blaue Kugel. Davor schwebte in einer kunstvoll ineinander verschlungene Goldeinfassung ein riesiger Sonnenkristall.“ „Ein Symbol für Sonne und Erde“, ergänzte Aron. Die Tränen waren sprachlos. Leidenschaftlich fuhr der Wind in der Beschreibung des Thronsaals fort. „Soviel Schönheit auf einmal denkt man, dabei findet man alles doppelt vor, einen Thronsessel für den König und einen für die Königin. Aber hinter den Thronsesseln in ihrer Mitte, da erhebt sich bis in die Glaskuppel eine goldene Elfe auf einem goldenen Brunnen. Sie trägt ein Füllhorn, aus dem sich Wasserblüten zu einem Wasserfall ergießen. Ich kann euch sagen, dass ich so geblendet war von all dem Reichtum und der Schönheit, dass ich unwillkürlich zu dem offenen Glasdach schaute, durch das unaufhörlich Vögel und Schmetterlinge hereinströmten und wieder hinausflogen, um meinen Augen eine kleine Pause zu gönnen. Dann bewunderte ich den Brunnen erneut, bis plötzlich in der Elfenskulptur Leben erwachte, denn das Glockenspiel, das sie im Haar trug, kündigte die Stunde der Tugenden an. “Ist das schön“, seufzten die Tränen. „Wir haben einen wahrhaft kultivierten Herrscher.“ „Jede Stunde erklingt das Glockenspiel, wenn die Glockenblumen im Haar der Elfe zu läuten beginnen“, fuhr der Wind fort. Dann bewegt sich die Elfe etwas und hält das Füllhorn noch fester, denn nach dem ersten Glockenschlag hört man ein Kichern und Tuscheln und dann lassen sich zuerst vier Tugenden in den Wasserstrudel fallen. Sie rutschen wie an einer Spirale hinab und haben großen Spaß dabei. Und wie zart sie aussehen“, schwärmte der Wind. Der Prinz war überrascht, den Wind so verträumt zu erleben, aber Aron liebte die Tugenden ebenso und nickte daher heftig.

„Sie sind ganz in Weiß gekleidet und tragen eine hauchdünne Schärpe, die in den Regenbogenfarben schimmert. Diamantensterne auf dem Regenbogenband bezeichnen ihre Namen. Zuerst rutscht PRUDENTIA mit dem Key of Wisdom den Wasserfall herab, dann JUSTITIA, die eine weiße Feder in einem spektakulären Kopfschmuck trägt, gefolgt von FORTITUDO, deren Haarknoten endlose glühende Stäbe zieren und TEMPERANTIA mit dem Amulett der Harmonie. Es ist sehr amüsant ihnen zuzusehen. Und man kann seinen Blick gar nicht von den zauberhaften Gestalten lösen, die sich fest an der Hand halten. Da rauschen schon der Glaube, die Liebe und die Hoffnung durch den Wasserschleier. Auch sie fassen sich bei den Händen und strahlen vor Glück. Dann ist es vorbei. Das Glockenspiel beendet den Regenbogentanz der Tugenden und die Lebendigkeit der Elfenstatue mit einem tiefen Ton. Schade, denkt man und wartet auf die nächste volle Stunde, um die Heiterkeit der Tugenden noch einmal zu erleben.“ Die Tränen waren ganz verzückt: „Du malst ein so heiteres Bild von den Edlen. Sie müssen sehr schön sein. Aber was bedeuten ihre Attribute?“ Aron erklärte den wissbegierigen Tränen, wozu die Tugenden fähig sind. „Prudentia trägt den Schlüssel der Weisheit an einem grandiosen Fingerarmband. Man sagt, die Weisheit soll zu einer guten Seele führen und eine gute Seele schenkt gute Gedanken. Deshalb ist die Weisheit der Schlüssel zu vielen Türen. Justitia wägt das menschliche Herz gegen die Feder der Rechtschaffenheit ab und die Tapferkeit ist die Herrin der Stäbe mit denen sie sich immer wieder gegen Widerstände aufschwingt. Das Maß aber so steht es in der Hohen Ordnung geschrieben ist die Königin der Ausgewogenheit. Sie trägt das Glaskind mit der Stimmgabel im Amulett der Harmonie. Mit seiner Hilfe kann sie den Einklang in der Welt erzeugen und für den Ausgleich der Gegensätze sorgen. Alles was im Lot ist, ist stabil, deshalb ist das Maß unermüdlich darum besorgt, das Ungleichgewicht aufzuspüren und die Misstöne miteinander zu versöhnen. Nur durch das Zusammenfügen zweier Gegenteile kann das Universum in Harmonie zusammenhalten.“ Die Durchsichtigen klirrten vor Aufregung und jeder wollte den anderen mit einem Beispiel übertreffen: „zuviel und zuwenig, heiß und kalt, stark und schwach, dick und dünn, Himmel und Erde, Tag und Nacht, Krieg und Frieden, gut und böse“, wussten die Tränen an Gegenteilen in der Welt aufzuzählen, die nach dem Willen von Temperantia maßvoll miteinander schwingen sollten. „Kann es sein, dass auf einer Schulter der Mäßigung ein Teufelchen lacht und auf der anderen ein Engelchen sich ziert“, wollte der Luftige unbedingt in Erfahrung bringen. „Ich habe davon gehört“, meinte Prinz Aron „aber ich habe es nie gesehen. „Und warum halten sich nicht auch das Maß und der Glaube bei der Hand. Ist es Zufall oder hat der wilde Spaß sie nur getrennt?“, waren die Tränen in ihrer Neugier nicht aufzuhalten. Der Wind blies in seine Wangen. „Ihr seid aufmerksame Zuhörer, fragt den Prinzen, denn das ist mir gar nicht aufgefallen.“ Aron antwortete geduldig, was die Hohe Ordnung seinem Volk lehrte: „Es ist so“, begann er. „Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß halten sich deshalb an der Hand, weil sie zusammen gehören. Die Nubier können diese Fähigkeiten aus eigener Kraft erwerben. Was du im Leben aber wirklich brauchst, das kommt auch ohne Anstrengung zu dir. Es sind die Geschenke des Ewigen, die nur er geben kann, sie heißen: Glaube, Liebe und Hoffnung, die edelsten aller Gefühle. Ob wir die Liebe unseres Herzens finden, ob wir im Glauben Trost schöpfen und die Hoffnung nicht verlieren, gehört zu den wenigen Dingen im Leben, die man nicht beherrschen kann. Deshalb sind auch sie durch ein gemeinsames Band verbunden. Es ist also dieser eine feine, aber bedeutende Unterschied zwischen den natürlichen und den göttlichen Tugenden, der sie in ihrer Stellung zu den Menschen trennt. Kein Zufall also, dass jede Gruppe für sich durch den Wasserfall rauscht, sondern ein Zeichen ihres Andersseins. Wisst ihr denn auch, dass die Tugenden im Regenbogen wohnen?“, wollte Aron von den Tränen wissen. „Aber woher denn?“, klangen die Tränen, die sehr wissbegierig waren. Jetzt mischte der Wind sich wieder ein: „Ich habe mich schon oft gefragt, warum jeden Tag zur gleichen Zeit ein Regenbogen den Sonnenpalast wie ein Tor umhüllt. Wahrscheinlich ein Geschenk der Sieben Kostbarkeiten, wie die Tugenden auch genannt werden, an den Nubischen Herrscher, der die edlen Gedanken wie einen Schatz mehrt“, vermutete der Windige richtig, dem der Prinz ein zustimmendes Kopfnicken schenkte. „So viel Interessantes auf einmal“, staunten die kristallklaren Tränen „Gibt es sonst noch etwas Prachtvolles im Thronsaal, dann erzähle uns davon“, baten sie. Der Prinz wurde langsam ungeduldig, traute sich aber nicht die Tränen zu verärgern. Sie waren all seine Hoffnung, den Knoten in seinem Leben zu entwirren, also unterbrach er das Gespräch nicht, denn es schien den Tränen zu gefallen.

„Sieben Pfauen stolzieren durch den Thronsaal. Es sieht so aus, als trügen sie die Sterne des Himmels auf ihrem prachtvollen Schweif. Man könnte meinen das Gefieder eines Engels zu sehen.“ „...aber Ohren zerreißende Stimmen zu hören. Ihre Rufe gehen durch Mark und Bein“, machten sich die Tränen lustig, die schon wild lebende Pfauen bei ihren Streifzügen durch das Tal erlebt hatten. Doch der Wind ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Als hätte er die Bemerkung überhört fuhr er einfach fort: „Aber Schönheit hat ihren Preis. Die metallisch glänzenden Schmuckfedern sind so lang, dass Pfauen lieber laufen als fliegen. Ich sah ihnen zu, wie sie schillernd durch den Saal stolzierten. Sie schmücken nur dann den Thron mit ihrer Anwesenheit, wenn der König und die Königin auf den Sesseln Platz nehmen. Die meiste Zeit verbringen sie in der Bibliothek. Sie können lesen und schreiben und sprechen mehrere Sprachen. Die Pfauen wollen einmal zu den Gelehrten Nubiens gehören, das erzählten sie mir“, malte der Wind weiter am Bild der Harmonie. „Ungefähr in der Mitte des Thronsaals befinden sich zwei imponierende Pyramiden. Links rauscht eine Wasserpyramide. Das Wasser strömt ohne jegliche Einfassung. Es zerfließt niemals und hat sich selbst die Form einer Pyramide gewählt. Rechts bildet die Energie der Luft eine Blütenpyramide. Wasser und Luft bilden zwei geometrische Formen, um darin farbenprächtige Fische und Blüten zur Schau zu stellen, die dem König ihre Hochachtung erweisen wollen.“ „Oh, das tut uns leid“, sagten die mitfühlenden Tränen. „Wieso?“, wollte der Wind wissen. „Die Fische und Blüten werden sterben. Sie können niemals entweichen.“ Kummervoll läuteten ihre zarten Tränenkörper. „Ich verstehe eure Bedenken. Aber das Gegenteil ist der Fall“, beruhigte der Wind die Tränen. „Beide Pyramiden sind über unterirdische Rohrleitungen mit der Außenwelt verbunden, so kann sich das Wasser ständig erneuern und die Fische werden wieder zurück ins Meer geleitet. Sie kommen und gehen, obwohl es ein weiter Weg bis zum Meer ist. Auch die Blüten erneuern sich täglich. Die Energie zieht die Blüten über die Rohrleitungen an und stößt sie wieder aus. So können sie wieder zu den Blumen zurückkehren. Jedes Rohr besitzt eine ausgestanzte Blütenform, die die Öffnung versperrt. Daher können nur die Blüten in die Leitung gelangen, die der Blütenform im Rohr entsprechen. Das ist wie ein Filter, der je nach Blütenart ausgewechselt werden kann.

„Woher weißt du denn das alles?“, fragte Aron den Wind, der sich nie darüber Gedanken gemacht hatte, warum die Blütenpyramide nur aus einer Blütensorte bestand. „Für mich war das nie wichtig.“ Das Erstaunen stand dem Prinzen ins Gesicht geschrieben. „Für mich schon“, grinste der Wind. „Du kennst doch meine schreckliche Neugier. Gleich am nächsten Tag kroch ich in den Rohrleitungen herum und habe alles untersucht.“ Der Prinz schüttelte den Kopf und schmunzelte, während der Wind schon wieder in seinem Element war und sich in Szene setzte. „Also ich finde das jedenfalls genial. Die Blüten kommen sortiert nach ihrer Blumenart in die Pyramide und verlassen sie, wie sie gekommen sind. Rosen- Jasmin- oder Orchideenblütenpyramiden wechseln sich ab mit Kamelien-, Tulpen-, und Lilienblütenpyramiden. Vögel, Schmetterlinge, Fische, Wasser und Blüten atmen den Kreislauf des Lebens, sie kommen und gehen und über all dem wacht das Herrscherpaar. Wenn der König und die Königin den Thronsaal betreten, dann grüßen die Blumen mit ihrem kostbarsten Geschenk, den Blüten, das Wasser schenkt seine schönsten Fische, die Vögel und Schmetterlinge halten inne, um sich zu verbeugen und zur Krönung ihrer Wertschätzung schenken ihnen die Tugenden den Regenbogentanz.“ Die Tränen waren hin und her gerissen. Da fügte der Wind noch etwas hinzu. „Wer diese üppige Lebensfreude einmal gesehen hat, wird sie nie mehr vergessen. Genau so wie ihr jetzt an meinen Lippen hängt, so konnte ich mich nicht satt genug an allem sehen. Immer wieder betrachtete ich den Thronsaal, um mir jedes Detail einzuprägen. Ich wusste, das der Tag kommen würde an dem mich jemand nach dem Thronsaal fragt. Dann wollte ich alles so berichten können, wie ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Deshalb verflogen die Stunden im Thronsaal wie im Fluge, bis der Abend herauf dämmerte. Jetzt wurde der Sonnenthron auf wundersame Weise erleuchtet. Die Vögel trugen kleine Sonnenstrahlen zwischen ihren Krallen, während die Schmetterlinge Sonnenkristalle auf dem Haupt befestigt hatten. Weil es so viele von ihnen waren sah das sternenklare Gewölbe der Glaskuppel bald wie ein Sternenhimmel aus. Dann betrat der König den Thronsaal und die Sonnenkristalle an den Wänden erstrahlten taghell. Durch die geöffnete Glaskuppel im Dach zog ich mich zurück. Ich wollte nicht stören und musste auch noch ausfindig machen, woher die Sonnenkristalle der Schmetterlinge und die Sonnenstrahlen der Vögel kamen. Es dauerte nicht lange, bis ich im Innenhof einen aufgeregten Haufen Vögel und Schmetterlinge entdeckte, die sich um einen Baum scharrten. In einem Nest lagen die Sonnenstrahlen, in einem anderen die Sonnenkristalle. Obwohl die Vögel scharenweise zum Palast zogen, so gingen die Strahlen und Kristalle in den Nestern doch niemals aus. Es war das Geschenk der Sonne an den König, das sie ihm durch die Vögel und Schmetterlinge sandte. Sie wollten gar nicht mehr zur Nachtruhe in die Nester ihres Schlafbaumes zurückkehren, so wohl fühlten sie sich im Thronsaal des Palastes. Ja, so war das, als der König und die Königin noch über das Sonnenland herrschten. Jetzt sitzt der kleine Prinz alleine auf dem mächtigen Thron, denn seine Eltern sind verschwunden.“ Der Wind war glücklich und wischte sich den Schweiß von der Stirn, so sehr hatte er sich angestrengt, um auch ja nichts zu vergessen.

„Hat der Wind den Mund auch nicht zu voll genommen und ist es jetzt noch genauso schön?“, wollten die Tränen von Aron wissen. „Das Gedächtnis des Windes ist perfekt. Der Thronsaal sieht genauso aus, das kann ich bestätigen, ich bin der Prinz. Die Tränen schüttelten ihre durchsichtigen Körper. „Du hast mehr, als man im Leben erwarten kann. Was macht dich traurig?“

„Mein Wunschminister will meinen größten Wunsch nicht erfüllen.“ „Welchen?“, wollten die Tränen wissen. „Ich will wachsen. Sofort.“ Durch die Tränen lief ein feiner Klang. Sie lachten. „Dieser Wunsch ist dumm.“ „Wieso?“, wollte Aron wissen. „Hast du dir schon einmal gewünscht, die Sonne möge nachts scheinen?“ „Warum sollte ich. Das wäre dumm. Nachts scheint der Mond“, grinste Aron die Tränen an. „Na also. Kinder wachsen jedes Jahr ein kleines Stück. Sie werden größer und klüger - auch kleine Prinzen. Dein Wunsch ist unvernünftig, weil du sowieso wächst – mit den Jahren und mit den Erlebnissen. Aber niemals sofort. Das ist normal aber nicht traurig“, entschieden die Tränen. „Gibt es sonst noch etwas Trauriges, was du uns erzählen könntest“, erkundigten sich die Tränen bei Aron. Das Gesicht des kleinen Prinzen verzog sich kummervoll. Dann begann er zu erzählen, was ihn wirklich bedrückte. „Oft habe ich keine Lust, am Morgen aufzustehen. Bin ich endlich aufgestanden, weiß ich nicht, was ich machen soll. Wenn ich ausreite, möchte ich lieber ausruhen. Wenn ich ausruhe, möchte ich ein Fest feiern. Wenn das Fest sehr prächtig ist, langweilt es mich nach kurzer Zeit.“ „Nur weiter“, klirrten die Tränen. „Wenn mir gar nichts mehr einfällt, esse ich Eis und Pudding, bis mir schlecht wird oder schikaniere meine Minister, dabei sind es die besten Minister der ganzen Welt“, gab Aron traurig zu. „Ein Prinz, der sich selbst auf den Keks geht“, kicherten ein paar voreilige Tränenkristalle. „Seid still“, befahlen die älteren und klügeren unter ihnen. Das ist eine ernste Sache. Und warum bist du so, wie du bist?“, wollten sie von Aron wissen. „Weil ich nicht weiß, was ich will, und weil ich keine Eltern mehr habe, die mir beistehen und die mich lieb haben. Ich bin ganz allein auf der Welt. Niemand kann mir die Eltern ersetzen auch wenn die Minister sich noch soviel Mühe geben und mir jeden Wunsch von den Augen ablesen“, sagte der kleine Prinz sehr leise. Dabei ließ er den Kopf hängen. „Und es sieht ganz so aus, als kämen sie nie mehr zurück. Nie mehr. Das macht mir Angst“, flüsterte der Prinz mit Tränen erstickter Stimme. „Ich habe das Paradies verloren.“

„Das ist wirklich traurig“, gaben die Tränen zu, die genau wussten, wovon der Sonnenprinz sprach. „Niemand kann Eltern ersetzen und niemand kann Kinder ersetzen“, wiegten die klingenden Kristalle nachdenklich ihr Haupt. „Eltern und Kinder, das ist wie ein Baumstamm, an dessen Rinde Efeu hochrankt. Genauso fest sind ihre Herzen zusammengewachsen. Jeder ist ein Teil der Seele des anderen geworden. Deshalb ist eine Trennung so schmerzhaft. Und deshalb trägst du diese grauenhafte Angst in dir. Sie ist ein Zeichen dafür, dass du dein Maß verloren hast. Wie eine Schlammlawine, die dir den Boden unter den Füßen wegreißt, stürzt du in die Tiefe. Alles, was für dich wichtig war: Eltern, Schutz, Beständigkeit ist zu Staub zerfallen.“ Die Worte der Tränen waren wie Balsam für Arons leidendes Herz. Voller Dankbarkeit sog er die tröstenden Töne ein, wie ein Kranker, der sich nach einem Löffel Honig sehnt. „Was ist noch sicher?“, fragte der Prinz mit Bitterkeit, ohne eine Antwort zu erwarten. „Mein Leben scheint sich in Luft aufzulösen. Nichts ist mehr wie es war. Mir ist die Richtung verloren gegangen. Mir geht es unsäglich schlecht.“ Der Prinz war in seiner Seele zerbrochen.

Die Tränen fühlten mit Aron, deshalb baten sie ihn, seine Tränen da zu lassen. Sie sprachen: „Jede Träne, die du nicht weinst tut weh. Erst wenn der Kummer dein Herz nicht mehr verschließt, kann es wieder sehen und hören“. Der Wind lauschte andächtig dem Gespräch. Da ging Aron ein Licht auf. Jetzt verstand er, warum er sich ins Tal der Tränen begeben sollte. Und der Prinz weinte, weil er die Minister ungerecht behandelt hatte, weil er sich unvernünftige Wünsche wünschte, weil er nie wusste, was er wollte. Er weinte wegen seiner schlechten Laune, die ihm und den Menschen in seiner Nähe den Tag verdarben. Dann weinte der Prinz, weil er sich von der Liebe seiner Eltern verlassen glaubte, weil er sich von allen verlassen vorkam und weil er fürchtete auch noch seine Hoffnung zu verlieren, seine Eltern jemals wieder zusehen. Er weinte tausend Tränen, bis er inmitten von Kristalltropfen saß. Die Tränen reinigten seine Seele, die mit soviel launigen Geistern kämpfen musste. Endlich hatte er alles weggespült. Seine Seele war sauber und klar. Sein Herz konnte wieder sehen und hören. Er hängte seine zu Kristall gewordenen Tränen an einen Baum. Sie waren so rein wie sein Herz.


Kapitel 1: Phantasos

Kapitel 2: Die Goldhut Minister

Kapitel 3: Das funkelnde Irrlicht

Kapitel 4: Ein schicksalhafter Geburtstag

Kapitel 5: Kofur - der Dämon des Bösen

Kapitel 6: Der Himmelsbote

Kapitel 7: Der unerfüllte Wunsch

Kapitel 8: Lillies oder Luftikus


Wie man das EinsteinWiki entdeckt. Eine Inspiration


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